16Mär2010

Allzu herzlich ist manchmal schmerzlich

Es gibt wohl kaum eine häufiger verwendete Headline auf der Startseite von Websites als „Herzlich willkommen“. Und mit Verlaub wohl auch kaum eine nichtssagendere. Die Gestalter dieser Homepages verwechseln Text offenbar noch immer mit Füllmaterial, wie es zum Auspolstern von zerbrechlicher Ware in Kartons benutzt wird, oder mit Blindtext.

 

Oder sie sind vielleicht schon so von den leeren Worthülsen aus Politik und leider auch Werbung verdorben, dass sie albernes Geplapper mit Inhalt verwechseln. Werbe-Altvater Ogilvy, wir alle sollten ihn gelesen haben, hat vor fünfzig Jahren schon gewarnt, dass wir unser Werbebudget genauso gut zum Fenster rauswerfen können, wenn wir nicht schon in der Headline kommunizieren. Frage deshalb: Ist „Herzlich willkommen“ der Reißer, das Alleinstellungsmerkmal, das all diese Unternehmen auf ihren Websites gleichermaßen kommunizieren wollen? Wohl kaum.

 

Aber es kommt noch dicker: „Herzlich willkommen“ heißt man uns nicht nur auf 19 von 20 Startseiten, auf 18 davon schleicht sich hartnäckig ein schmerzlicher Rechtschreibfehler ein: „Herzlich Willkommen“ ist da allen Ernstes zu lesen und will uns unterjubeln, dass „willkommen“ ein Substantiv sei oder zumindest irgendwas hauptwörtlich Gebrauchtes. Von wegen Banane. Willkommen ist in dieser Fügung ein Adjektiv und Adjektive schreibt man bekanntlich klein. Natürlich gibt es „das Willkommen“ auch als Substantiv, aber eben nicht in dieser Fügung.

 

Außerdem, was soll dieses herzliche Willkommen (hier: groß!)? Kann eine Begegnung, die so unpersönlich stattfindet, wie der Besuch eines Users auf einer Website eines Unternehmens, für das Gegenüber – wer ist das: der Server? – herzlich sein? Als Unternehmen, dessen Chef, dessen Mitarbeiter kann ich mich zwar über die Besucherstatistik meiner Site freuen, aber im seltensten Falle bemerke ich einen gerade stattfindenden einzelnen Besucher, den ich von Herzen willkommen heißen könnte.

 

Damit etwas von Herzen sein kann – also dabei ein positives körperliches Gefühl in der Herzgegend verspürbar ist –, braucht es gewöhnlich persönlichen Kontakt. Und der ist hier schlicht nicht vorhanden. Also ist das „Herzlich“ geheuchelt. Wollen wir das?

 

Ergo, lasst uns alle „Herzlich willkommen“ und noch mehr alle „Herzlich Willkommen“ von den Startseiten der virtuellen Welt tilgen und etwas Vernünftiges hinein schreiben. Vorschlag: Produkt- und Leistungsvorteile, Alleinstellungsmerkmale, aber am liebsten zugleich etwas Originelles, das uns im Hirn und im Herzen hängen bleibt!

 

In diesem Sinne: viel Spaß auf meinem neuen Blog und meiner neuen Website, die die Welt nicht mit substanzlosen Kehrwischfludern aus dem Reservewerber-ABC, sondern mit konstruktiven und kritischen Bemerkungen zu Werbung und Werbetext versorgen will. Und falls ich bei der Betrachtung meiner Webstatistik bemerken sollte, dass Sie, genau Sie, wiederkommen, werde ich mich herzlich freuen – auch wenn es mir nicht möglich war, sie in diesem Moment höchstpersönlich herzlich willkommen geheißen zu haben!

 

 

Helmut Wiener(helmut@loswiener.com)Gravatar: Helmut WienerweiterleitenPermalinkTrackback-Link
Tags: websites, headlines, alleinstellung, rechtschreibung
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"Werbetexte, die mehr Vorteile Ihres Produkts verraten, als Sie selbst schon kennen."

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